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    Tag 7... - oder: Der Preis ist heiß  

Shanghai ist anders!
Tag 0 - Auf geht's mit Geschrei
Tag 1 - Shanghai lacht
Tag 2 - Im Land der Fahrräder
Tag 3 - Bootsfahrt
Tag 4 - Shoppingwahn
Tag 5 - Das Gehupe nervt
Tag 6 - Nr. 5 ist groß genug
Tag 7 - Der Preis ist heiß
Tag 8 - Fehlende 2 Meter
Tag 9 - Zünftige Bierstube
Tag 10 - Über den Wolken
Tag 11 - Fragen & Antworten
Tag 12 - Letzte Runde
Tag 13 - Der Abschied

 

 

 

 


A
uf den Besuch des Jade Buddha Tempels haben wir uns beide sehr gefreut. Ähnlich dem YuYuan Garden und der chinesischen Altstadt waren wir gespannt auf die Tradition und Geschichte chinesischer Religion und Vergangenheit. Die Fotos der Buddha Figuren sorgten bereits bei der Vorbereitung auf diese Reise für eine gewisse Erwartungshaltung. Angekommen an den Eingangstoren des Tempels drückte sich mal wieder dieses Unverständnis über chinesischen Handelns und deren Umgang mit der eigenen Vergangenheit besonders aus. Haben wir erwartet, dass sich die örtlichen Begebenheiten an diese religiöse Stätte anpassen, wurden wir eines besseren belehrt, um nicht zu sagen enttäuscht. Der Tempel befand sich mitten im allgemeinen Chaos, in „normaler“ Wohn- und Einkaufssiedlung und fand durch die Umgebung in keinster Weise eine herausragende Bedeutung, die diesem Ort eigentlich hätte zuteil werden müssen.  

Die Straße vor dem kleinen Kassenhäuschen war eigentlich viel zu schmal für diese Attraktion der Stadt. Rechts und Links parkten Autos und die ankommenden Reisebusse sorgten für einen Stau der Extraklasse. Die Schlange vor der Kasse war super lang. Anstatt, dass die Reiseleiter Karten für ihre Gruppe komplett besorgen, scheinen alle die Tickets einzeln zu holen. Egal, wir sind ja nicht auf der Flucht und warten geduldig ab. Sie kommt zurück, meine Gelassenheit.

Nach einigen Minuten können wir endlich das heilige Reich betreten und stehen im Innenhof der Tempelanlage. Unmengen an Menschen drängeln sich an uns vorbei. Einige vollziehen eine Art Gebetsritual mit so etwas wie Räucherstäbchen in den Händen, andere wiederum sind einfach Besucher wie wir auch. Nach dem ersten Rundumblick trifft mich fast der Schlag. Auf dem Hof steht tatsächlich ein niegelnagelneues Auto, welches in einer Art Auktion versteigert werden soll. Nicht einmal bei der Religion können die Chinesen den einzughaltenden Kommerz außen vor lassen, schwirrt mir so durch den Kopf. Enttäuschung weicht in einer bestimmten Art und Weise der Fassungslosigkeit. Sogar Mönche sind käuflich im fernen Osten. Nachdem allerdings meine erste Welle der Empörung verflogen war, fiel mir nach kurzer Überlegung ein, dass ja auch auf der ehrwürdigen Domplatte in Köln, neue Autos von der Dombaulotterie zum Gewinn angeboten werden. Ist ja eigentlich nichts anderes, deshalb schraubte ich meine Moralpredigt gegenüber Jade Buddha Mönchen mal ganz kleinlaut wieder auf Normalmaß runter.

Unweit des Autos standen große, bronzefarbene Gefäße. Sie erinnerten mich zuerst an den riesengroßen Kochtopf von Mirakulix. Auch hier stieg weißer Rauch aus den Töpfen heraus. Menschen zündeten Papiertüten an und warfen sie anschließend in diese Behälter. Ein Ritual, dass von den meisten Anwesenden durchgeführt wurde. In den verschiedenen Hallen, die auf dem Gelände überall offen standen, befanden sich die berühmten Figuren. Mit viel Gold überzogene Gestalten in Übergröße blickten auf die Besucher herab, mal mit einer Furchterregenden Grimasse, mal treu schauend, mal freundlich lächelnd. Um die berühmteste aller Figuren zu bewundern, war neuer Eintritt fällig, fotografieren war dort leider nicht erlaubt. Danach standen wir noch in der Halle der tausend Buddhas. Ein großer Raum mit kleinen Regalschächten ringsherum, in denen kleine, goldene Buddhas im Schneidersitz wachten. Um dem Kommerz auch hier Sorge zu tragen, konnte man sich eine Figur als Namenspaten „aneignen“. Für den Betrag x brachten die Mönche dann das Namensschild des jeweiligen Spenders unter der jeweiligen Statue an.  

Von solch einer Stätte wollten wir unbedingt ein Andenken mit nach Hause bringen. Kleinkram und Kitsch gab es alle paar Meter und so entschieden wir uns als Erstes für eine handgefertigte Schriftrolle mit unseren Namen und ein paar frommen Wünschen für die Zukunft. Okay, als Pessimist könnte man auch glauben, dass irgendetwas anderes darauf steht, verstehen, gar lesen können wir es natürlich nicht. Aber es sieht schön aus und wird ganz bestimmt seinen Platz im Wohnzimmer bekommen. Yvonne hat irgendwie Gefallen an solch kleinen Bändern fürs Handy gefunden. So ein komische Gezubbel, welches mich rasend machen würde, weil es unruhig am Handy hin- und herbaumelt. Die Anzahl der Kolleginnen, die bedacht werden sollten, schnell zusammengezählt, die entsprechende Zahl des Handy-Klimbims ausgesucht und ab zur Verkäuferin.   

Was jetzt kommt, ist mir furchtbar, furchtbar peinlich, auch wenn ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht realisieren sollte, dass es mir so ungeheuer peinlich werden sollte. Ich konnte auch eigentlich gar nichts dafür. Ich schiebe die Schuld jetzt einfach mal einzig und alleine auf Yvonne, die sich meinem gut gemeinten Ratschlag, der sich im Nachhinein als einzig richtig erweisen sollte, standhaft widersetzte. Die ältere Dame an der Kasse nannte Yvonne den Preis und dann geschah es: Mein Schatz fing tatsächlich an zu handeln. In einem Tempel. Ich bin kein religiös erzogener Mensch und nicht besonders gläubig, aber handeln in einem Tempel? Das ging und geht doch nicht, oder?   

Meinen Hinweis, den ich ihr ins Ohr geflüstert habe, flüstern war überflüssig, hat uns doch eh keiner verstanden, ignorierte sie mit fraulicher Souveränität. Den Blick, den Yvonne dann jedoch von der Chinesin hinterm Tresen kassierte, konnte man getrost dem Leibhaftigen zuordnen. Ich konnte die Gedanken der Frau in diesem Moment scheinbar lesen. Sie war entzürnt, erbost und fassungslos, ob der Dreistigkeit meiner Frau. Nach dem dritten Versuch, einen niedrigeren Preis zahlen zu müssen, nahm ich das Portomonnaie und gab den gewünschten Betrag. Yvonne blickte mich an und entgegnete lapidar: „Hey, hier handeln sie doch überall“. Stimmt, nur nicht in einem Tempel. Wie uns später erklärt wurde, gilt es nicht als Kauf, sondern man lädt mit dem Geld Buddha quasi zu sich ein. Deshalb gilt handeln als Frevel. Diese Erfahrung bekamen wir leider zu spät mit auf den Weg und sollte mir einen weiteren Besuch im Tempel einbringen.  

Den nächsten Fehltritt leisteten wir uns dann wieder gemeinsam. Es gab kleine, schöne Münzen zu kaufen, die an einem roten Band baumelten. Eigentlich war es angedacht, dass auf das Band der eigene Name geschrieben und es danach an einen der zahlreichen Bäume gebunden wird. Die Münze sollte man als gutes Omen immer mit sich führen. Wir bekamen auch dieses Ritual irgendwie nicht mit und steckten Münze samt Band in unsere Tasche. Auch hier ernteten wir böse Blicke. Wir kümmerten uns nicht darum. Uns gefiel die Münze am Band so gut, dass wir die Kombination mit Heim nehmen wollten.  

Das Zusammenspiel mit Buddha war nach diesem Besuch natürlich verbesserungswürdig, und wir hofften, dass der Besuch auf dem Stoffmarkt in der Dongjiadu Lu weniger Fettnäpfchen für uns bereit hielt. Die Auswahl an Stoffen war überwältigend. Für jeden Geschmack war etwas dabei. Yvonne entschied sich für einen Kaschmirmantel, ich wählte einen Cordanzug. Nachdem wir beide vermessen wurden, man konnte sich schon ein wenig fühlen wie ein König, leisteten wir eine kleine Anzahlung und bekamen den Abholtermin genannt. Wow, maßgeschneiderte Kleidung für umgerechnet wenige Euros. Günstiger kann man nun wirklich nicht einkaufen, auch weil die Qualität der angebotenen Stoffe sehr gut war.   

Das Wetter spielte auch heute mit und wir gingen durch die Gassen Richtung YuYuan. Mal wieder spielte sich das komplette Leben der Chinesen draußen ab. Überall Menschenmassen, die sich durch die Straßen und Gassen vorarbeiteten. Über den Köpfen baumelte frisch gewaschene Wäsche an langen Stangen oder einfach mit Leinen an den Bäumen und Straßenschildern. Mir schien es als wären wir am Puls der Zeit angekommen. Umtriebige Gestalten und Verkäufer sorgten für Stimmung, die Geräuschkulisse wieder weit über einem „normalem“ europäischen Pegel. Wie auch schon die Tage vorher fiel auf, dass viele Chinesen immer ihre Teeflasche bei sich tragen. Meist ist die Blüte der Yasmin durch das Glas zu erkennen. Und den ganzen Tag über, wird die Flasche immer und immer wieder mit heißem Wasser aufgefüllt.  

Im YuYuan freuten wir uns auf den Besuch des Teehauses an der „Zickzack-Brücke“. Nie dachte ich daran, dass wir überhaupt einen Platz bekommen würden. Der YuYuan Basar platzte aus allen Nähten. Denkste. Das Teehaus war zwar besucht, dennoch hatten wir freie Platzwahl und entschieden uns für einen Fensterplatz mit Blick auf die Brücke. Die Karte deutete auch gleich an, warum das Teehaus noch Platz bot, obwohl tausende Chinesen draußen ihre Freizeit im YuYuan verbrachten. Die Preise hatten es für dortige Verhältnisse echt in sich. Tee für neun Euro verschlug mir auch zuerst die Sprache. So waren die Gäste des Hauses auch eher etwas reichere Chinesen, oder eben Touristen wie wir. Allerdings konnte man für diese neun Euro auch den ganzen Tag sitzen bleiben und den Tee seiner Wahl genießen. Heißes Wasser gab es soviel der Tee vertrug und der Gast sich wünschte.  

Dazu wurden Eier gereicht und Gebäck serviert. Die Eier, deren Schalen allerdings eine solche Farbe angenommen hatten, als lägen sie wochenlang in einer Jauchegrube, entpuppten sich als Wachteleier und gelten in China als Delikatesse und Leibspeise. Ihr könnt es euch sicher denken: Ich rührte die Teile nicht an. Auch Yvonnes Neugier war in diesem Fall nicht so groß, als dass sie die Luxuseier anrührte.  

Der anschließende Besuch des Gartenparks war ein Besuch im Paradies. Idyllische Ruhe in einem einzigartig, schönen Ambiente. Die Hektik, die Lautstärke waren auf einmal wie weggeblasen. Die Architektur des Garten lud zum träumen und verweilen ein. Die Zeit kam uns vor, wie eine erholsame Reise in eine Oase fernab des Alltags.  

Frisch gestärkt und mit voll aufgeladenen Akkus wagten wir einen erneuten Besuch auf dem Fake-Markt. Letzte Besorgungen sollten den Shoppingwahn für diese Reise beenden. In der Tat machte sich nach diesem Tag ein völliger Shopping-Overload bei uns beiden bemerkbar. Es stand fest: Eingekauft wird erst wieder in Deutschland. Die Füße waren bei Ankunft im Hotel nicht das einzige was brannte. Die alles andere als saubere Luft in Shanghai sorgte für heftigste Pickel. Na super. Da muss ich knapp 13.000 Kilometer reisen, um in den „Genuss“ eines brennenden Gesichtspeelings zu kommen. Den Gesichtsausdruck von Yvonne seh ich jetzt noch vor mir, als ich wie Frau Etepetete mit Matsch im Gesicht durch unsere Zimmer stolzierte. Geholfen hat es wenig. Pickel wie zu bester Pubertätszeit zierten das Gesicht, wurden durch den gekonnten 10 Tage Bart aber kaschiert so gut es ging.  

Könnt ihr euch noch an das Paulaner Brauhaus erinnern? Ja! Gut, denn dort ging am Abend unser Taxi hin. Endlich essen wie daheim. Einen Platz zu bekommen, war reine Glückssache. Die Schlange am Eingang war lang, für Chinesen aber anscheinend noch länger. Denn wir wurden zum ersten Mal in diesen Tagen bevorteilt. Überrascht nahmen wir nun unsere Plätze ein und wählten recht schnell unser Essen. Was dann serviert wurde, möchte ich ganz schnell wieder vergessen. Würde Paulaner in München wissen, was unter ihrem Namen in Shanghai angeboten wird, dann würde ihr Weißbier noch bei der Gärung sauer werden. Es schmeckte schlicht widerlich. Aber im Gegensatz zu den vorherigen Tagen schlang ich es runter. Wen wundert es: Yvonne hatte mehr Glück und konnte ihr Essen genießen. Mit mächtig Kohldampf bestellte ich einen Käsekuchen als Nachspeise. Da kann man doch wohl nicht viel dran verkehrt machen. Dachte ich. Nur kurz: Der Kaffee war sehr lecker, der Kuchen zum speien. Nicht zu verschweigen, das Bier schmeckte wohltuend gut. Nach fünf Minuten sitzen am Tisch ohne Teller vor uns, machte uns der Oberkellner in Tracht bestimmend deutlich, dass wir jetzt den Tisch frei zu machen hätten. Grüß Gott, wie auf dem überfüllten Festzelt auf dem Oktoberfest. Nach diesem ereignisreichen Tag fallen wir hundemüde ins Bett und schlafen wie kleine Babys.