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    Tag 6... - oder: Nr. 5 ist groß genug  

Shanghai ist anders!
Tag 0 - Auf geht's mit Geschrei
Tag 1 - Shanghai lacht
Tag 2 - Im Land der Fahrräder
Tag 3 - Bootsfahrt
Tag 4 - Shoppingwahn
Tag 5 - Das Gehupe nervt
Tag 6 - Nr. 5 ist groß genug
Tag 7 - Der Preis ist heiß
Tag 8 - Fehlende 2 Meter
Tag 9 - Zünftige Bierstube
Tag 10 - Über den Wolken
Tag 11 - Fragen & Antworten
Tag 12 - Letzte Runde
Tag 13 - Der Abschied

 

 

 

 

 

Nach Krisen muss man wieder aufstehen und dann durchstarten. Das sagte ich mir nach der gestrigen Asienkrise auch an diesem Tag. Unser Frühstück genossen wir heute mal etwas länger als sonst. Mr. Chen kam dennoch, um Yvonne abzuholen. Also musste ich wieder alleine los. Ich wollte hoch hinaus. Das Jin Mao Building hat gerufen. Als wir am ersten Tag auf dem „Alex“ waren, konnten wir dem Koloss Jin Mao ja fast auf Augenhöhe begegnen und waren gebannt von der Bauweise des Wolkenkratzers. In ihm befindet sich das Grand Hyatt Hotel. Dem höchstgelegenen Hotel der Welt ist ein Atrium zueigen, dass auf der ganzen Welt seinesgleichen sucht. Über 33. Stockwerke hinweg ist das Atrium an Durchmesser und Höhe weltweit unerreicht. 

Der Weg zu den Aufzügen hat etwas vom Phantasialand. Gespannt warte ich ab, was mich gleich über den Wolken erwartet. Der Aufzug ist der absolute Hammer. Der katapultiert seine Besucher regelrecht nach oben, so dass die Ohren sausen, als würde man in Tirol einen Bergpaß rauf- und runterfahren. Oben auf der Besucheretage angekommen, bekomme ich den Mund nicht mehr zu. „Breathtaking“. Mir fallen zu einem solchen Ausblick gar keine richtigen Worte ein. Es beschreiben zu wollen, kann diesem fantastischen Gefühl, welches einem dabei überkommt, gar nicht gerecht werden, egal wie man es versucht zu beschreiben. Deshalb lasse ich hier lieber unsere Bildergalerie sprechen.  

Nach einem Kaffee und einem Blick das Atrium herab, mache ich mich wieder auf den Weg nach unten. Diesmal sorgt die Geschwindigkeit für ein flaues Gefühl im Magen. Ja, mir ist vom Aufzug fahren in der Tat schlecht geworden. Sachen gibt’s, die gibt’s nur in Shanghai. 

Pudong wirkt alles in allem wesentlich ruhiger, aufgeräumter und weniger touristisch ausgerichtet als auf der anderen Seite des Flusses. Die Hochhäuser sind absolut gigantisch und als wäre das Jin Mao Building als 5. größtes Gebäude der Welt nicht genug, wird auf der anderen Straßenseite des Skyscrapers schon die nächste Vision in Bau genommen. Das Shanghai World Financial Center soll noch höher werden. 

Bevor ich mich auf den Rückweg machte, spazierte ich noch ein wenig an der Uferpromenade entlang, sog die Geschichte des Bund richtig auf und fing an diese Stadt zu lieben. Es hatte irgendwie klick gemacht. Trotz aller Tiefs und Krisen. Auf der Taxifahrt in Hotel ist dann passiert, was ich schon bei der Ankunft erwartet hatte: Die erste Vollbremsung. Mit quietschenden Reifen kam der Santana zum stehen, der Fahrer richtete mit seinen weißen Handschuhen seine Sonnenbrille, lächelte kurz und setzte unseren Weg fort. Hä? Sonst hupen die wie die Bescheuerten, gestikulieren wild, wenn alte Menschen nicht schnell genug über die Strasse kommen, oder wenn Rollerfahrer sie schneiden. Und jetzt? In Bierruhe, knapp einem Unfall entkommen, fährt er ohne zu murren weiter. Da fällt mir nur eines zu ein: Shanghai ist anders.....ganz anders!!

 Was mir auch aufgefallen ist. Ist das Taxi noch so alt und klapprig, es hat TV an Bord. Nicht nur an den öffentlichen Plätzen und den Shopping Malls wird man mit Musik und Werbespots berieselt, auch im Taxi. Dabei wirken die Werbespots im TV so was von albern und kindisch, dass es schon nicht mehr witzig ist. Egal, habe eh kein Wort, wen wundert's, verstanden.  

Auf unserem Zimmer fühle ich mich so k.o. als hätte ich im Jin Mao Building nicht den Aufzug, sondern die Treppen genommen. Völlig ermattet statte ich dem bequemen Bett einen Kurzbesuch ab. Dabei laufen die Eindrücke der vergangenen Tage wie ein Film vor mir ab. Ich hole das Laptop auf die Kissen und sehe mir noch mal die Bilder an. Komisch, es sind fast gar keine neuen Fahrräder auf den Strassen unterwegs. Meist nur verrostete, alte Drahtesel, die aber treu ihren Dienst zu verrichten scheinen. Und wo sind Tiere? Hunde und Katzen? Die werden doch nicht.......nein, jetzt mal die Gedanken in die Schublade. Hier gibt es kein Hundefleisch. Aber warum ich keine Haustiere zu sehen bekam, beantwortet Jessica im....genau, China Fragen – Chinesin antwortet Teil. 

Yvonne ist super spät dran. Hunger ist bei mir fast schon weg. Es scheint als habe sich mein Magen aus reinem Selbstschutz vor zu wenigem Essen selber verkleinert. Heute wollen wir mal in das Nachtleben eintauchen. Es kann ja nicht sein, das die Chinesen kein Nachtleben haben. Gut, das Leben beginnt hier um einiges früher am Morgen als bei uns und ist dementsprechend früher beendet, aber Nachtleben wird es schon irgendwo geben. Erst mal nehmen wir mal wieder ein Taxi, übrigens: auch wenn wir so viel Taxi gefahren sind, so haben wir die 20 Euro Marke nicht geschafft zu knacken.  

An der Nanjing Road steigen wir aus. Die Werbetafeln strahlen mit ihrem Neonlicht in den Nachthimmel. Vor einem Kino bleiben wir stehen und machen ein paar Bilder vom laufenden Programm. Martin, ein Freund von uns, soll mit diesen Fotos auf den neuesten Stand gebracht werden. Er ist ganz großer Fan asiatischer Filme, die er sich auch noch im Original anschaut, ohne überhaupt die Sprache zu verstehen. Wir inspizieren einige Kaufhäuser. Yvonne stellt fest, dass Kosmetika ja viel, viel günstiger als bei uns ist. Leider hat sie nicht den passenden Hauttyp für die Produkte auf dem asiatischen Markt. So haben wir nicht nur viel Geld gespart, sondern eigentlich alles.

Es ist mittlerweile 22.30 Uhr. Das Treiben auf den Straßen wird zunehmend ruhiger. Wir versuchen ein Restaurant zu finden, um ein Häppchen zu essen. Nur ist es um diese Uhrzeit gar nicht so einfach ein Lokal zu finden, dass um diese unasiatische Uhrzeit noch geöffnet hat, oder vielmehr noch eine heiße Küche anbietet. Da ich kurz zuvor ja im People´s Park unterwegs war, machte ich einen Nobelitaliener aus, der ein sehr nettes Ambiente in der oberen Etage eines Museums hatte. Essen im Museum ist auch mal etwas anderes. Obwohl auch hier die Küche schon am erkalten war, zeigte man uns höflich unsere Plätze. Wir hatten verständlicherweise freie Auswahl, weil die einzigen Gäste, entschieden und für den Fensterplatz und genossen die Umgebung. Auch wenn es mir keiner glauben mag und bis jetzt dachte ich wäre ein Nöhle: Das Essen war fantastisch. Hier sollten wir unbedingt noch mal hingehen. 

Gut gelaunt verließen wir anschließend das Restaurant durchs Museum. Es ist übrigens ein eigenartiges Gefühl nachts bei Notbeleuchtung durch ein Museum zu gehen. Hat etwas von Bonny und Clyde. Auf Richtung Bund. Wir wollten die Skyline von Pudong bei Nacht erleben. Ich war zudem erpicht darauf die riesigen Werbetafeln bei Nacht zu fotografieren. Jedoch sollte mein Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Auch die Werbelichter gehen in Shanghai sehr zeitig aus. Die Skyline von Pudong strahlte aber in voller Pracht. Die Atmosphäre an der Promenade war etwas unheimlich ob der ganzen Bettler, die jeden ansprachen und Geld haben wollten. Menschen, die den ganzen Tag über nirgends zu sehen waren, kamen im Schutz der Dunkelheit aus ihren Behausungen und wollten für sich und ihre Familien „sorgen“. Da man uns aber im vornherein sagte, dass wir auf gar keinen Fall Geld geben sollten, war uns diese Situation etwas ungeheuer und wir entschieden uns ganz schnell, die Fotos bei Nacht waren im Kasten, den Ort zu verlassen. Unser nächstes Ziel lautete: „Peace Hotel“.

Direkt am Bund gelegen ist dieses geschichtsträchtige Hotel einen Besuch wert. Besonders die Jazz Bar wurde uns ans Herz gelegt. Die Geschichte und Vergangenheit des Peace Hotels war förmlich spürbar. Der Hauch von Historie wehte durch die Eingangshalle und geleitete uns direkt in die Bar des Hauses. Wir standen mitten in der Old Jazz Bar, die 1996 von der U.S. News Week als beste Bar der Welt empfohlen wurde. Die Gemäuer erinnerten uns an die alteingesessenen Brauhäuser, die wir aus Köln kannten, nur einen Tick verruchter, ein wenig kultiger. Wohl durch den alt-englischen Charakter der Bar. Die Zeit schien hier etwas langsamer zu laufen, alles wirkte gemächlicher.  

Die Tische waren gut gefüllt, wir saßen mittendrin und hatten freien Blick auf die „Old Jazz Band Peace Hotel“. Anfangs musste ich etwas schmunzeln, sahen die Musiker doch aus wie ein Ensemble aus der Muppets Show. Herren gesetzteren Alters zeigten ihr ganzes Können und spielten tollen Jazz aus den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Vorstellung ist umso höher zu bewerten, da das Durchschnittsalter der Band höher als 75 ist. Einige Bier weiter, konnten Gäste dann per Karte ihre Lieblingssongs wählen, was den Eindruck einer lebendigen Jukebox erweckte. Gegen halb zwei war aber auch hier Schicht und das Hotelbett schien nach uns zu rufen.  

Was dann folgte, wird als lustigste Taxifahrt unseres Lebens in die persönlichen Analen eingehen. Der Fahrer wirkte gleich sympathisch, ein Nachtmensch mit guter Laune. Ich war zugegeben etwas angeheitert und nahm sogleich vorne Platz. Mein Streben nach Konversation auf Chinesisch fand seinen Höhepunkt auf dieser Reise. Die Brocken die ich kannte, warf ich dem Fahrer zu, er erwiderte entweder mit lautem Lachen oder zustimmenden Kopfnicken sein Verständnis. Die Zeit für deutschen Schlager war gekommen. Das „knallrote Gummiboot“ bekam seinen Einsatz auf Shanghais Straßen. Der Fahrer bekam sich vor Lachen nicht mehr ein, was mich natürlich ermutigte, meine Sangeskünste weiter vorzutragen. Über „den griechischen Wein“ musste es zwangsläufig zu „ein bisschen Spaß muss sein“ kommen. Yvonne schüttelte unentwegt den Kopf, hatte aber auch ihre Freude an dieser lustigen Kutschfahrt zurück ins Hotel.  

An einer großen Kreuzung, das Taxi wollte weiter geradeaus fahren, kamen mir die zahlreichen per Pedes Kilometer zu gute. Es wäre vermessen zu sagen, ich kannte mich zu diesem Zeitpunkt schon sehr gut aus in der Stadt. Aber jetzt war ich mir ganz sicher, dass wir rechts hätten abbiegen sollen. Man muss dazu sagen, dass auch die Taxifahrer nicht immer wissen, wo sie hinfahren sollen. Auch wenn sie die Adresse gelesen haben. Zugeben werden sie es aber auch nach unendlicher Irrfahrt nie und nimmer. Mit wilden Gestiken, dem herumwedeln der Hotelvisitenkarte und komischen Lauten nahm die ziemlich einseitige Diskussion mit dem Fahrer wahnwitzige Züge an. Wir mussten alle drei nur noch lachen und genossen dieses Stand up- Programm. Letztendlich fuhr der Chauffeur dann so wie ich wollte. Und, Yvonne konnte es einfach nicht glauben, standen wir vor unserem Hotel. Mein Kurzjob als Taxifahrer fand einen erfolgreichen Abschluss. Auch unser Fahrer schüttelte ungläubig den Kopf. Ich bildete mir ein, er war beeindruckt. Das lag aber vermutlich an der Euphorie und dem Rausch des Bieres. Was zählt, war aber nur das Ergebnis. Und damit war jeder zufrieden. Als Anerkennung bekam der Fahrer dann nach unserem Aussteigen noch eine LaOla Welle direkt vor dem Haupteingang des Hotels. Hoffentlich hat mich dabei keiner beobachtet.