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    Tag 4... - oder: Shoppingwahn als Sport!  

Shanghai ist anders!
Tag 0 - Auf geht's mit Geschrei
Tag 1 - Shanghai lacht
Tag 2 - Im Land der Fahrräder
Tag 3 - Bootsfahrt
Tag 4 - Shoppingwahn
Tag 5 - Das Gehupe nervt
Tag 6 - Nr. 5 ist groß genug
Tag 7 - Der Preis ist heiß
Tag 8 - Fehlende 2 Meter
Tag 9 - Zünftige Bierstube
Tag 10 - Über den Wolken
Tag 11 - Fragen & Antworten
Tag 12 - Letzte Runde
Tag 13 - Der Abschied

 

 

 

 

 

Jessica, Yvonnes Kollegin, hat speziell mir, ein Sportkaufhaus empfohlen. Ein Factory Outlet Store, der etwas außerhalb lag. Also wieder ab ins Taxi und dieses Mal die entgegengesetzte Richtung als sonst und ab. Die Fahrt dauerte fast eine halbe Stunde und eigentlich hätte bereits eine andere Stadt anfangen müssen, jedenfalls für meine Dimensionen, aber wir befanden uns tatsächlich immer noch in dieser Gigantenmetropole Shanghai. Als die letzten Hochhäuser aufhörten, dachte ich ganz im ernst, dass ein Bombengewitter heruntergegangen sein muss. Einige Häuser und Unterkünfte waren total demoliert, man konnte in die Badezimmer, die Toiletten sehen. Menschen lebten hier auf Baustellen. Allerdings befand sich hier noch nichts so richtig im Aufbau. Es waren die Abrisstrupps, die dabei waren ihren Dienst zu verrichten.  

Trostlose Mondlandschaft, wahrnehmlich so etwas wie Slums. Möbel standen an der Straße, ähnlich wie das „Warten auf Godot“. Meine Stimmungslage sank bei dem Anblick, die Faszination einer tollen Stadt im Bauschutt verschüttet. Anspruch und Wirklichkeit liegen hier mal wieder meilenweit voneinander entfernt. Die Träume der Zukunft aufgebaut auf der Hoffnungslosigkeit der Menschen in diesem Teil der Stadt. Auch wenn wir bei uns in Deutschland viel Leid haben, viele Probleme, die wir besser dringend angehen sollten, so ist es doch so etwas wie das bekannte jammern auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau. Revolten würden im modernen Europa ausbrechen, würden Menschen in einem solchen Moloch hausen müssen. Mittendrin in diesen Kratern der Verwüstung, so möchte ich diese Baulandschaft einfach mal nennen, ragte bereits eine sehr moderne Wohnsiedlung heraus, wie man sie dutzendfach in Shanghai findet. Nichts besonderes, aber zu teuer für den „normalen“ Bürger. In vielen dieser, für mich sind es nicht mehr als moderne Wohnsilos, ähnlich der Plattenbauten, sind eigenes Wachpersonal und Parkplatzaufseher inbegriffen.

Im Sportkaufhaus angekommen, war die Tristesse, die einige Kilometer vor den Toren dieses Stadtteils herrschte wie weggeblasen. Straßenbauverschönerungen, Renovierungen und sonstige Arbeiten waren hier in vollem Gange. Die Häuser hatten noch normale Größe, keine Wolkenkratzer wie im Stadtkern. Vom Angebot der Sportsachen war ich allerdings etwas enttäuscht und machte mich sogleich wieder auf den Rückweg. Irgendwie hat mich an diesem Tage das Shoppingfieber gepackt. Keine Ahnung warum, aber ich wollte etwas kaufen. Obwohl es natürlich Schwachsinn war sich eine Uhr oder T-Shirts als Art Andenken zu kaufen. Denn damit haben diese Dinge ja nun rein gar nichts zu tun. Egal, kurzer Aufenthalt im Hotel, dann startete ich einen neuen Versuch auf dem Fake-Markt. Endlich wollte ich diesen Handelswiderstand ablegen und das am Tag zuvor begonnene Spiel fortsetzen.

So hielt ich Ausschau nach den Waren meiner Wahl und verglich die Preise, ohne ernsthafte Kaufabsichten zu haben, um mir erst mal einen Überblick zu verschaffen. Handeln ist ja irgendwie nicht mein Ding, zuhause würde ich so etwas nie und nimmer tun, aber hier? Stimmt, es war ja mein Spiel um die gute Laune nicht zu verlieren. Auf einmal rief einer: „Hey Helpi, was machst du denn hier?“. Deutsch zu hören war ungewöhnlich, meinen Spitznamen dazu war eine ganze Stufe ungewöhnlicher. Ich drehte mich leicht verwirrt um, die Stimme konnte ich bei der Lautstärke auf diesem Markt nicht richtig zuordnen, und stand auf einmal vor meinem alten Chef Stefan. Mich traf fast der Schlag. Es gibt, keine Ahnung wie viele Menschen genau in Shanghai und ich laufe meinem ehemaligen Chef über den Weg. Der Spruch: „Mit dem hätte ich nie gerechnet“, kann ich mir getrost sparen, denn offen gestanden habe ich mit gar niemanden gerechnet, den ich am anderen Ende der Welt hätte treffen können. Wir mussten beide lachen, hielten kurz inne, plauderten eine Weile und verabredeten uns dann noch zu einem Treffen im neuen Bürogebäude der TV-Produktion in Köln. Jahrelang hat man sich in ein und derselben Stadt lebend nicht gesehen und gesprochen, dann das, tausende Kilometer von der Domstadt entfernt. Nach diesem heiteren Treffen ging ich schmunzelnd auf meinem „Spielbrett“ weiter. Aufgrund der Vielzahl an Angeboten verfiel ich schnell in eine wahre Entscheidungsneurose.

 Ich entschied mich daraufhin für ein paar Nike Turnschuhe. In Anbetracht der Vielzahl an gelaufenen Kilometern in den letzten Tagen wollte ich meinen Füßen etwas gutes tun. Gesagt, getan. Für 12 Euro kaufte ich die „Shox“, die in Deutschland gut und gerne 120 Euro kosteten. Sie waren bequem und, dass darf ich gerne mal vorweg nehmen, sie verrichten ihren Dienst absolut perfekt. Gemerkt hat es im übrigen niemand, dass die Teile nicht wirklich echt sind. Vielleicht sind sie es ja doch, und werden in Asien lediglich in der Nachtschicht der jeweiligen Markenbetriebe hergestellt und gehen dann unbemerkt in den Verkauf solcher Händler und Märkte. So wird es jedenfalls getuschelt, soll aber an dieser Stelle auch nicht mein Problem sein.

 Zurück im Hotel duschte ich und genoss das schon obligatorische Bier in der Lounge. Obwohl es auch Miller und Bud gab, entschied ich mich für ein einheimisches Bier. Dies tat ich, weil Peter, Yvonnes Vater, mir vor der Reise den Ratschlag gab, ich sollte doch vor Ort jeweils das eigene Bier probieren. Sozusagen als Teil des Verständnisses einer fremden Kultur. Da ich seine Meinung und seine Ratschläge sehr schätze, tat ich dies natürlich auch. Zu meiner Verwunderung schmeckte mir das Bier sehr gut. Irgendwie vertraut. Der erste Blick auf das Etikett zwei Tage zuvor, zeigte mir auch warum. Gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot von anno dries in de Pief.

 Yvonne machte heute irgendwie länger und es war schon stockfinster, als sie im Hotel eintraf. Ich hatte gerade mein Laptop auf den Knien und überspielte die Bilder des Tages auf den Rechner. Wir fuhren dann nach YuYuan. Der Basar wirkte abends noch schöner, leicht mystisch sogar. Sowieso wirkte die Stadt auf uns am Abend viel entspannter und schöner, als am Tage. Es war als würden die Lichter der Dunkelheit die Tristesse der Helligkeit am Tage förmlich vertreiben. Langsam füllte sich auch der Einkaufsbeutel. Essstäbchen, Malereipinsel und Tee sollten die ersten Mitbringsel werden, die wir für daheim einkauften.

 

Und auch jetzt, da die Gassen teilweise wirklich stockfinster waren und nur die kleinen Lampen in den Buden für etwas Sicht- und Sehstärke sorgten, machten wir uns beide keinerlei sorgen, dass uns etwas passieren könnte. Friedlich und vertraut wirkten die Menschen und die Umgebung auf uns. Wir fühlten uns einfach wohl und gerade in diesem Moment sehr glücklich, die Reise gemeinsam angetreten zu sein. 

Natürlich machte sich mal wieder der Hunger bemerkbar. Angebote gab es in der Gegend des YuYuan ja genug, aber da Yvonne schon tagsüber in der Kantine ständig neue Genusserfahrungen sammelte, beschlossen wir, im Hotelrestaurant zu essen. Irgendwie stand meine Essenswahl und alles was dazu gehört mit mir auf dem Kriegsfuß. Es wird á la carte bestellt, nur leider so nicht geliefert. Yvonne bekam was sie wollte, ich jedoch nicht mag, ich bekam, was ich nicht wollte und auch nicht mag. Dem Kellner, wollte ich am liebsten an die Gurgel springen, Yvonne beruhigte mich jedoch ganz schnell und rettete mit einer gewagten Portionsverteilung, etwas von jedem was ich mag, den Abend und mein leibliches, zumindest Teilwohl. Wieder einmal geschafft, überließen wir uns den Sandmännchen.