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    Tag 2... - oder: Im Land der Fahrräder  

Shanghai ist anders!
Tag 0 - Auf geht's mit Geschrei
Tag 1 - Shanghai lacht
Tag 2 - Im Land der Fahrräder
Tag 3 - Bootsfahrt
Tag 4 - Shoppingwahn
Tag 5 - Das Gehupe nervt
Tag 6 - Nr. 5 ist groß genug
Tag 7 - Der Preis ist heiß
Tag 8 - Fehlende 2 Meter
Tag 9 - Zünftige Bierstube
Tag 10 - Über den Wolken
Tag 11 - Fragen & Antworten
Tag 12 - Letzte Runde
Tag 13 - Der Abschied

 

 

 

 


So, heute hat der schwierige Part der Shanghai-Reise angefangen. Yvonne ist arbeiten, und ich bin gaaaaanz alleine unterwegs. Da wir das Erlebnis „Taxi“ bereits gestern genossen haben, entscheide ich mich heute für die Metro, Shanghai´s U-Bahn. Der Fahrkarten-Kauf klappt so gerade eben mit Händen und Füssen. Trotzdem bleibt die Frage, ob das Ticket das Richtige ist.  

Der Weg zum Bahnsteig ist versperrt von Drehkreuzen. Ich steh nun wie der berühmte Ochs vorm Berg und komme nicht weiter. Das dämliche Ding erkennt zwar mein Ticket, lässt mir aber ganze 1,43 Sekunden Zeit, um durchzugehen. Gut, die Stadt ist zwar schnelllebig und hektisch, aber kann sie mir vielleicht etwas Zeit lassen, um zum Zug zu kommen? Nein, tut sie nicht. Deshalb, davor hatte ich eigentlich die ganze Zeit etwas Bammel, wird die Polizei angesprochen. Die Wahl meiner Sprache spielt hierbei mal wieder gar keine Rolle. Ob Deutsch, Englisch oder Suaheli. Die Chinesen wollen oder können einfach keine andere Sprache. Zeichensprache klappt auch hier, ich bin durch.  

Endlich im Zug angekommen. So eine lange U-Bahn habe ich noch nie gesehen. Bestimmt 100-200 Meter lang. Wie witzig, es gibt kaum Griffe an der Decke. Dafür sind die „Kleinen“ nicht groß genug. Beim Verlassen des Tunnels sorge ich mal wieder für Lacher. Man braucht das Ticket um rauszukommen. Natürlich durch Drehkreuze.

Nachdem ich voller Bewunderung etliche Hochhäuser fotografiert habe, jetzt weiß ich im übrigen ganz genau, wie sich japanische Touristen in Deutschland fühlen, nehme ich die Seitenstrassen, um diese riesige Stadt kennen zulernen. So viele Fahrräder und Motorroller habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Im Übrigen sollten mich auch die nächsten Tage lehren, dass es kaum bis gar keine neuen Fahrräder in der Stadt gibt. Die meisten haben Museumscharakter, verrichten aber brav ihren Dienst.

Keine Ahnung, ob ich gestern taub war, aber soooo laut kam mir der Verkehr gar nicht vor. Heute kommt mir der ganze Lärmpegel geballt zu Ohren. Hupen wo man hinhört. Warum Shanghaier Auto- speziell Taxifahrer hupen, hat sich mir auch bis zum Ende unserer Reise nicht erschlossen. 

An vielen Kreuzungen verdienen Männer mit einer Art mobilen Fahrradwerkstatt ihr Geld. Alle paar Meter, na eigentlich wie an einer Perlenkette aufgereiht gibt es Essbuden, Garküchen und lauter solcher Garagen, die sich mein Magen besser nicht genauer anschaut. Dabei reichen mir verwöhntem Europäer schon die seltsamen Gerüche, um ein sehr flaues Gefühl in der Magengegend zu bekommen.

An fast allen Fußgängerampeln stehen eine Art Schülerlotsen. Was die mit ihrer Trillerpfeife genau regeln? Keine Ahnung, sie sind sich wichtig, das zählt. Die Ampeln hängen auf der anderen Seite der Kreuzung und die Polizisten, die wagemutig auf den größeren Abzweigungen stehen, sehen mit ihren weißen Eierschalen-Helmen ein ganz klitzeklein wenig aus wie Calimero.

Die Art der Verkehrsregelung bleibt Europäern ein Rätsel. Rot ist nicht gleich rot. Pfeifen bedeutet nicht immer Stop, aber auch nicht immer Weiter. Abbiegen kann man eigentlich immer, oder doch nicht? Naja, auf jeden Fall hätte ich in dieser Stadt meinen Führerschein nie und nimmer bekommen. Sich mit dem Wirrwarr auf Shanghai´s Strassen genauer zu befassen, würde den Rahmen sprengen, wird aber versucht im speziellen „China-Fragen, Chinesin antwortet“ Part ein wenig zu erklären. 

Bei all der ganzen Hektik und Nervosität des Neuen keimt bei mir die Frage auf: Wo ist das China, das ich aus den Büchern, dem Internet oder der Schule kenne? Wo sind die geschwungenen Dächer, die Teehäuser? Bisher könnte ich in jeder sehr ambitionierten „Wir werden die Besten, Modernsten und Grössten“ Stadt gelandet sein.  

Deshalb ab zum Taxi. Also nur an den Straßenrand stellen, Arm hoch und warten. Winkende Chinesen werden anscheinend bevorzugt. Aber ich habe ja Zeit. Die Visitenkarte vom Hotel erklärt dem Fahrer sein Ziel: YuYuan. Ohne diese Karte wäre an eine zielorientierte Fahrt gar nicht zu denken.  

Wie in jedem Taxi hängt auch in diesem alten VW Santana eine überdurchschnittlich große Visitenkarte des Fahrers samt Foto vor meiner Nase. Die meisten von diesen Teilen sind schon so vergilbt, dass man rein gar nichts darauf erkennen kann. Aber, das ist mir schon bei den Polizisten und dem Flughafenpersonal aufgefallen, bekommen die Chinesen wohl keine Namen mit auf den Berufsweg. Lediglich eine Nummer prangt unter dem Foto hervor. Es wirkt irgendwie unnahbar, teilweise sogar etwas unheimlich, wenn man nicht weiß mit wem man es zu tun hat. Auch durch die merkwürdige Plexiglasverkleidung seitens des Fahrers, die wohl eine Art Überfallschutz darstellen sollte. Zumal auch eine Konversation unmöglich war.

Aber genau die hat mir bei den zahlreichen Taxifahrten gefehlt. Shanghai beherbergt bald die Weltausstellung und erst jetzt beginnen die „Einheimischen“, die mit den Gästen in der Stadt zu tun haben, etwas Englisch zu lernen. So wurde es uns jedenfalls erzählt, gemerkt haben wir davon rein gar nichts, denn nicht einmal ein „Hello“ kam über die grinsenden Lippen. Dabei könnten sich gerade die Taxifahrer als eine Art Stadtrundfahrer, die Preise fürs Taxen fahren sind fast geschenkt, eine Buddha-goldene Nase verdienen. Nun gut, es blieb die gesamten Tage über beim visuellen Genuss der Sehenswürdigkeiten während der Fahrten und Wanderungen.  

An der Renmin Lu stieg ich aus dem klapprigen VW aus und dachte, mal wieder, ich wäre in einer ganz anderen Stadt, oder vielmehr Welt angekommen. Endlich. Da ist das China wie ich es mir vorgestellt hatte. So wie sie es im Phantasialand bei Brühl so herrlich nachgebaut haben. Die chinesische Altstadt liegt vor mir. Der Yuyuan-Basar verbindet, wie könnte es anders sein, Geschichte und Kommerz. Eine tolle Ladenstrasse in alten Gemäuern. Die Schildkröte in der Auslage einer traditionellen chinesischen Apotheke darf hier natürlich nicht fehlen.  Da ich jedoch keinen Bedarf an etwaigen Artikeln hatte, begab ich mich sofort auf den Weg zur „Nine Curve Bridge“, der berühmten „Zickzack-Brücke“ samt weltberühmten Teehaus Huxinting. Ein großartiges Erlebnis dieses Stück alter chinesischer Geschichte mit eigenen Augen zu sehen. Naja, zumindest teilweise habe ich es gesehen, denn es war ein derart dichtes Gedrängel, dass ich den Eindruck gewann, es gibt etwas umsonst. Es lag aber wohl eher an den zahlreichen Essbuden, die in diesem Basar die Überhand hatten, neben den Kitschläden. Wie die nächsten Tage bestätigen sollten, ist essen des Asiaten liebstes Hobby.

 Da ich sozusagen ja nur die Vorhut war, und tagsüber erforschte, was ich Yvonne in ihrer, leider sehr spärlichen Freizeit, zeigen konnte, sparte ich mir den Besuch des eigentlichen Parks und verlegte diesen Besuch auf die gemeinsame Zeit mit meiner Frau. Mir knurrte mächtig der Magen, der Anblick und der Geruch der dargebotenen Speisen ließen selbigen jedoch klein werden wie eine Erbse. Ich belies es bei Kitkat. Nein, so weit, Katzenfutter aus der Dose zu essen, brachte mich selbst das Shanghai-Essen nicht. Die beliebten Schokoriegel waren so mit das einzige, was halbwegs „normal“ europäisch schmeckte. So wurden diese Kalorienbomben mein ständiger Wegbegleiter.

 Raus aus dem Basar, rein in die kleinen Gassen der Altstadt. Die Politesse machte sich unbeliebt, schrieb Knöllchen, wenigstens etwas wie bei uns, dachte ich mir. Derweil versuchte ein anderer Fahrer einzuparken, stupste die Politesse dabei sanft an und setzte den Versuch fort. Die junge Dame fing nicht mal im Traum an zu fluchen. Chinesische Gelassenheit, oder sollte ich besser sagen, chinesische Gleichgültigkeit? 

Es herrschte ein reges Treiben auf und neben der Strasse. Vergoldete Buddhas, Ketten, Musikcassetten und Antiquitäten wo ich hinsah. Die Verkäufer saßen rum, die meisten von Ihnen.....richtig, waren am essen. Jetzt bin ich angekommen in China. Die Leute wuseln durch die Gassen, die Radler und Motorroller-Fahrer denken gar nicht daran Rücksicht auf die Fußgänger zu nehmen, die Geräuschkulisse ist irgendwie unbeschreiblich. Auf dem weiteren Weg stelle ich fasziniert fest, das ich noch nirgends solch interessante Menschen gesehen habe. Es schreit fast an jeder Ecke nach Porträtfotos. Jedoch wird mir sehr schnell klar, besser, es wird mir handfest und fluchend klargemacht, dass der Chinese älteren Jahrgangs es mal gar nicht mag, fotografiert zu werden. Die Gründe waren mir nicht geläufig, werden aber im „Chinesin antwortet“  - Part erklärt. Gut, dann fang ich mal lieber an, mit Händen und Füßen in Zukunft die Genehmigung einzuholen, wen ich ablichten darf und wen nicht. 

Ich weiß nicht woran es lag, aber auch die Gewissheit, dass mich rein gar keiner versteht, hielt mich nicht davon ab einige Menschen einfach anzusprechen und nach irgendeinem Weg zu fragen. Eigentlich war ich mit meinem Stadtplan und dem Reiseführer ganz gut bedient, zumal ich diesen ja auch verstehen konnte. Aber ich fand es einfach spannend auf diese Art mit den Shanghainesen, schreibt und nennt man sie so wirklich?, in Kontakt zu treten. Gebracht hat es meistens natürlich nichts, das gemeinsame Gelächter entschädigte aber für entgangene Ratschläge und fehlende Wegweisungen. Da die Gebäude in diesem Part der Stadt durchweg niedrig sind, orientiere ich mich immer wieder am „Alex“ und dem „Jin Mao Tower“, die beide über allem ragen. Einige Gassen verschlagen mir schier die Sprache. Soviel Armut kannte ich bisher nur aus der Zeitung und der Tagesschau. Dabei dachte ich immer, das kann doch gar nicht sein, dass Menschen in solch schlechten Bedingungen leben, vielmehr auch leben und überleben können. Jetzt offenbarte sich mir das Schicksal tausender Familien mit aller Härte. Der Anblick war tragisch. Sauberkeit und Hygiene fielen hier völlig ins Reich der Fabeln. Jedoch wirkten die Menschen nicht einmal unglücklich oder deprimiert. Im Gegenteil, der Trubel und das Gewusel war hier genau so, wie in den Gassen vorher.  

Was sonderbar ist: In keinem Moment meines bisherigen stöberns durch diese unbeschreiblich große Stadt, auch nicht in diesen armen Gassen, beschlich mich ein Gefühl der Unsicherheit oder des Unwohlseins. Keine Sekunde in der ich denken würde, es kann etwas passieren. Komisch, aber sehr angenehm. Wenige Meter nach diesen kleinen, armen Gassen zeigt sich wieder diese einmalige Wandlungsfähigkeit dieser Stadt. Vorbei an einem schnuckeligen Park, übrigens stehen in diesen grünen Oasen der Ruhe oftmals blau-gelbe Fitnessgeräte auf denen sich gerade ältere Chinesen bewegen, oder besser gesagt durch die Schwungmechanik dieser „Trimm-Dich“ Geräte bewegen lassen. Nach ein paar Minuten stehe ich vor Xintiandi. Einem Trendviertel im französischen Viertel, das keine Wünsche nach moderner Exclusivität offen lässt. Vorbei an der Vidal Sassoon Academy stehe ich vor einem Paulaner Brauhaus. Ich traue meinen Augen nicht und amüsiere mich über bayerische Trachten getragen von Chinesen. Der Anlaufpunkt der Köstlichkeiten wird schleunigst vermerkt für ein deftiges Abendessen mit Yvonne. Balsam für meinen geschundenen Magen. So dachte ich wenigstens, später dazu mehr. 

Nach einem gepflegten Kaffee und einem Stückchen Kuchen in einem japanischen Lokal mache ich mich so langsam auf den Weg ins Hotel. Auch Yvonnes Arbeitstag ist gleich mal vorbei und ich mach nur noch kurz einen Abstecher in ein überdimensionales Elektronik-Kaufhaus. Mediamarkt, Saturn und Promarkt zusammen mal drei. Fündig werde ich leider nicht. Die Marken kenne ich nicht, die Preise lassen mich ziemlich kalt und den „Originalen“ traue ich irgendwie nicht über den Weg. 

Der deutsche Food and Beverage Manager unseres Hotels, ihm sind wir für einige Tipps, zahlreiche Gespräche und informativem Erfahrungsaustausch sehr dankbar, bekam schon nach kurzer Zeit mein Malheur mit dem Essen mit. Voller Verständnis empfahl er uns ein skandinavisches Restaurant, was zudem in einigen Minuten zu Fuß zu erreichen war. Das „Taste of Scandinavia“ ließ mich voller Vorfreude und unmäßigem Hunger schon von Hackbällchen à la Ikea träumen. Übrigens hat der schwedische Möbelgigant auch seine Regale und Betten in Shanghai zum Verkauf. Große Plakate an den Bushaltestellen werben für Ikea, und obwohl die Schriftzeichen für uns nicht zu deuten sind, konnten wir sehr gut erahnen, dass es sich auch in China um Regale der Marke „Peter“ und so weiter dreht. 

Zurück zum Essen. Das Restaurant war eine etwas gehobenere Kategorie, die Portionen leider ebenso knapp bemessen. Aber es war sehr lecker, und ich bin trotz der großen Teller mit dem Wenigen darauf satt geworden. Das war wichtig. Das dieser Laden angesagt und hipp ist, wurde dann im hinteren Barbereich deutlich. Die so genannte Eisbar machte ihrem Namen alle Ehre. Zu betreten nur in Winterkleidung, Eis wo man hinsah, wo man sich hinsetzte. Einfach cool. Yvonne und ich sind danach beide total erschöpft in die Federn gefallen. Arbeiten und Sightseeing ließen uns tief und fest träumen